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Die Geschichte der May - P7

Die (leider etwas verworrene) Geschichte der P7

Mein Schiff hat eigentlich zwei Geschichten, die sich leider widersprechen. Doch ich will der Reihe nach erzählen, was ich über die "May" in Erfahrung bringen konnte.

Als ich im Sommer 1989 hörte, dass der gaffelgetakelte 45er P7 zu haben sei, wollte ich natürlich wissen, was das für ein Schiff ist. Es hieß "Viva II", ex "Hanseat" und sah mit seinem Bugspriet und der funktionslosen Topstenge ein bisschen aus wie ein Piratenschiff im Kleinformat. Uli Diem, der damalige Präsident der 45er-Vereinigung, sah in der 45er-Chronik von Adolf Haaga nach und konnte mir folgende Auskunft geben: P7 "May" von Fritz Naglo in Zeuthen 1913 für Herrn B. Haendly vom Wannsee gebaut, ging 1918 an Herrn Direktor Eboecke vom selben Verein. Dann klafft eine große Lücke von 1919 bis 1972, als Herr Karl Öller vom Bregenzer Segelclub Besitzer der P7 wurde, die jetzt "Hanseat" hieß. Sein Sohn Karlheinz übernahm das Schiff 1978 und nannte es fortan "Viva II". Ich konnte noch erfahren, dass die "Hanseat" zuvor einer der drei 45er der Bodensee-Yachtschule in Lindau gewesen war. In alten Ausgaben der Zeitschrift "Wassersport" fand ich dann die Eintragung der "May" ins Schiffsregister des Germanischen Lloyd vom September 1912 und einen Regattabericht vom Wannsee, die bewiesen, dass meine "May" sogar ein Jahr älter war als ursprünglich angenommen.

Das genügte mir fürs erste. Die P7 war ein Schiff mit Tradition, ein ehrwürdige alte Dame, genau das was ich gesucht hatte. Am 1. September 1989 unterzeichnete ich den Kaufvertrag und segelte direkt nach der Vertragsunterzeichnung nach Lindau zur Traditionsregatta anlässlich der 100-Jahr-Feier des LSC. Aber eine Lücke von 53 Jahren in der Geschichte meines 45ers wollte ich nicht einfach hinnehmen. Ich versuchte die Geschichte rückwärts aufzurollen. Ich schrieb an den früheren Leiter der Bodensee-Yachtschule Lindau, Herrn Heinz Bors. Der konnte mir aber leider auch nicht weiterhelfen. Von ihm erfuhr ich nur, dass er die P7 "Hanseat" von einem Segelfreund namens Karl erworben habe, der das Schiff vorher am Rhein gesegelt habe. Diese bruchstückhafte Geschichte veröffentlichte ich 1991 im Begleitheft zur 1. Bodensee-Traditionswoche mit der Bitte, mir weiterzuhelfen.
Auch selbst forschte ich weiter. In Zeuthen suchte ich die alte Naglo-Werft auf, aber auch dort konnte oder wollte man mir Auskunft geben, denn es war kurz nach der Wende in Deutschland und die Leute waren misstrauisch, wenn sich jemand nach altem Besitz erkundigte. Auch der Verein Seglerhaus am Wannsee wollte seine Archive nicht öffnen.
Ein Jahr später meldete sich bei mir Frau Vera Tusch aus Köln, die als Kind mit ihrem Vater am Rhein auf der P7 "Hanseat" gesegelt hat. Sie schickte mir Fotos aus den 40er und 50er Jahren und die Kopie eines Messbriefs von 1935, der alle meine bisherigen Erkenntnisse über den Haufen warf. Laut diesem Messbrief und den dazugehörigen Standerscheinen war die P7 1925 von Herrn Franz Biebler in Friederichshagen nach Plänen von Konstrukteur Francke selbst gebaut und bis 1938 am Müggelsee als "Mulleken III" gesegelt worden. Im Mai 1938 erwarb ein Herr Hans Hansenkamp aus Köln die P7 und nannte sie"Hanseat". Später ging sie dann in den Besitz von Herrn Karl Strehl über, der sie 1961 oder 1962 an den Bodensee verkaufte.
 

 

Das sind zwei widersprüchliche Geschichten der "May". Doch damit nicht genug: Es gelang mir, im Berliner Telefonbuch einen Herrn Kurt Biebler ausfindig zu machen, der sich als Enkel des Franz Biebler herausstellte, welcher die "Mulleken III" gebaut hatte. Kurt Biebler besuchte mich dann hier am Bodensee und wir verbrachten einen schönen Nachmittag auf der "May" Er brachte viel Fotomaterial aus den 20er und 30er Jahren mit, unter andrem auch eine Postkarte vom Fotografen an Herrn Biebler, die den Poststempel vom 14.5.1924 trägt und das Schiff zeigt, das angeblich erst 1925 gebaut wurde. Er wusste auch, dass es in der Familie zwei 45er gegeben habe. Auch der Bruder des Möbelfabrikanten Franz, Max Biebler habe einen 45er besessen.
Als ich daraufhin wieder das 45er Re¬gister von Herrn Haaga zu Rate zog, war die Verwirrung perfekt: Dort ist nämlich unter P47 und P147 genau derselbe Eintrag zu finden: "Kaete", Konstrukteur Franke, Selbstbau M. Biebler. P7, P47, P147? Ist mein Schiff jetzt die "Mullecken III" von Franz Biebler, oder die "Kaethe" von Max Biebler oder doch Herrn Dr. Haendlys alte "May"?
Je mehr ich erfahre, desto weniger bin ich mir sicher. Aber der alte Messbrief machte mir dennoch viel Freude. Eingetragen waren nämlich neben den Maßen von 1935 auch die Daten eines am 12.5.1927 vermessenen Lattengroßsegels, nach denen ich die Besegelung meiner "May" wieder in den Originalzustand zurückversetzen konnte. Denn wenn das Schiff auch in seiner ganzen Geschichte immer gaffelgeriggt gewesen war, so war doch viel an diesem Gaffelrigg herumgebastelt worden. Jetzt konnte ich nach den alten Plänen und Segeldaten eine neuen Garderobe anfertigen lassen und die "May" kommt wieder so daher, wie sie auf einem Foto von 1927 bei einer Regatta am Wannsee abgebildet ist - und das ist doch auch schon etwas. Selbst wenn die wirklichen Ursprünge im Dunkeln liegen, nicht?